2017: Gereimte Fastnachtspredigt zu Lukas 10, 38-42

Lukas 10, 38-42 „Maria und Marta“
Gereimte Fastnachtspredigt
von Kerstin Schäfer, 26. Februar 2017

1. Zwei Schwestern woll’n wir heut betrachten,
bei denen Jesus ist zu Gast,
und was sie aus dem Tag so machten:
der einen Lust, der andern Last.

2. Die Marta rennt in Küche, Keller
und Vorratskammer auf und ab.
Sie treibt sich an – das geht noch schneller –
und hält das ganze Haus auf Trab.

3. Gebrat’ne Hühner, Wachteln, Fische,
Fasane, Hummer, Lachs und Wild.
Bei Marta biegen sich die Tische,
wenn es wen zu bewirten gilt.

4. Zum Nachtisch gibt es Himbeerkuchen,
Cremes, Törtchen, Nougat, Schokotraum.
Die Marta müsst Ihr mal besuchen,
da traut Ihr Euren Augen kaum!

5. Aufs Leibeswohl total versessen
entscheidet unsre Marta gleich:
Der Jesus muss erstmal was essen,
der fällt mir sonst ja noch vom Fleisch.

6. Dagegen hat Maria leise
zu Jesu Füßen sich gesetzt.
Sie nutzt den Tag auf ihre Weise:
Die Zeit zum Zuhör‘n, die ist jetzt!

7. War das die Leichtigkeit der Jugend?
Wollt‘ sie den Jesus gar betören?
Es galt nicht grad als weiblich‘ Tugend,
zu sitzen und bloß zuzuhören.

8. Den Männern war es vorbehalten
zu lauschen, wenn der Rabbi spricht.
Die Frauen soll’n das Haus verwalten,
und Müßiggang geziemt sich nicht.

9. Maria bleibt jetzt trotzdem sitzen,
auch wenn die Marta das empört.
Zu hören und das Ohr zu spitzen
ist sozusagen „unerhört“!

10. Sollt‘ ich mich identifizieren
mit einer aus dem Schwestern-Paar,
die offensichtlich konkurrieren,
ich glaub‘, mir wär die Marta nah.

11. Wenn ich ´nen hohen Gast empfange,
dann steh ich Tag und Nacht nicht still.
Da läuft der Herd in vollem Gange,
weil ich dem doch was bieten will.

12. Da wird gerührt und auch geschüttelt,
gekocht, gebacken und gebraut,
der ganze Hausstand aufgerüttelt,
und nicht nur schnell was aufgetaut.

13. Ich kann mich doch zum Gast nicht setzen
mit Wasser und ´nem Kanten Brot.
Da würd‘ ich doch ´ne Pflicht verletzen.
Mein Seelenfrieden wär bedroht.

14. Auch in der Kirch‘ zur Kaffeestunde
könnt ich mich nie dazugesellen
und fröhlich plaudern in der Runde,
wenn dort noch wär das Geld zu zählen,

15. der Brotkorb und der Kelch zu säubern,
die Klingelbeutel zu verstau‘n.
Es könnt doch wer den Safe ausräubern
und heimlich die Kollekte klau‘n!

16. Ein grader Docht bei allen Kerzen,
Gesangbücher in Reih und Glied,
das liegt mir wirklich sehr am Herzen,
weil’s einfach immer gut aussieht.

17. Ich schreib auch gerne Protokolle,
wenn irgendwo ein Ausschuss tagt,
geh völlig auf in meiner Rolle,
zu schreiben, was ein andrer sagt.

18. Auch riesige Adressenlisten
in Hochformaten oder quer
zu pflegen oder auszumisten,
das fällt mir alles gar nicht schwer.

19. Der Nachteil ist: Bei dieser Menge
der kleinen Tages-Politik
verlier ich ganz leicht im Gedränge
das große Ganze aus dem Blick.

20. Und schwups, da wird am nächsten Tage,
obwohl ich Pflichten selbst gewählt,
grad diese nächste Pflicht zur Plage,
weil jetzt mich der Termindruck quält…

21. Es kann sich der, der sich getrieben,
gehetzt, gestresst fühlt und gejagt,
in die Gejagtheit auch verlieben,
obwohl er sich so laut beklagt.

22. Hier woll’n wir uns zu Jesus wenden,
zu dessen Fuß Maria sitzt,
dieweil erneut mit vollen Händen
die Marta durch die Stube flitzt.

23. „Du, Marta, machst dir sehr viel Mühe.
Hat das denn alles seinen Sinn?
Du rupfst die Hühner, melkst die Kühe.
Jetzt setz dich doch zuerst mal hin.“

24. So bremst der Jesus die Gestresste:
„Dir wird die Hausarbeit zur Qual.
Mach aus dem Tag für dich das Beste.
Setz‘ dich zu uns, du hast die Wahl.“

25. Moment mal, hab ich „Wahl“ vernommen?
Hat Jesus das grad selbst erzählt?
Ich schau gleich nach und les‘ beklommen:
Sie „hat das gute Teil ERWÄHLT.“

26. „Das gute Teil“, bei Jesus sitzen
und sozusagen nichts zu tun,
dazwischen ein Stück Brot stibitzen
und sich ansonsten auszuruh’n,

27. das kann doch Jesus so nicht wollen!
Nur Mußestündchen weit und breit?
Ich hör schon wieder Marta schmollen:
„Wer sowas macht, der kommt nicht weit.“

28. Doch Jesus lehrt, man lebt gesünder,
wenn zwischen Arbeit und Gebet
und Kräfte-Tanken auch nicht minder
ein echtes Gleichgewicht entsteht.

29. Und weiter gibt er zu beachten,
egal, was man als Zweites tu,
zuerst nach Gottes Reich zu trachten,
„dann fällt euch solches alles zu.“

30. In den flankierenden Geschichten
vor Jesu Rast in Martas Haus
weiß uns die Bibel zu berichten:
Er stellt auch gern die Tatkraft raus.

31. Barmherzig ist der Samariter,
der selbstlos den Geschund‘nen pflegt,
denn dessen Schicksal war recht bitter:
beraubt, verletzt und abgelegt.

32. Danach folgt der Exkurs vom Beten
und wie der rechte Wortlaut sei.
Das steht noch nicht bei den Propheten;
das bringt uns Jesus selber bei.

33. Mal öfter in der Bibel blättern
ist für den Alltag gar nicht schlecht:
Die Wirksamkeit der alten Lettern!
Ich hoffe doch, ihr gebt mir Recht.

34. Ich denke, nicht nur an Silvester
fällt uns ein guter Vorsatz ein.
Ich schau jetzt auf die kleine Schwester.
Ich will jetzt mal Maria sein!

35. Will endlich frei von allen Zwängen,
unschuldig, kindlich, unbedarft
dem Jesus an den Lippen hängen
– da hab ich mich grad selbst entlarvt.

36. Rückt in den Fokus eures Strebens
ein jedes Wort, was Jesus spricht!
Er ist die „Quelle unsres Lebens,
In seinem Licht sehn wir das Licht.“

37. Ich komm jetzt raus aus meiner Küche
und geb‘ dem Leben einen Sinn.
Die „Lesen-was-gesund-macht“-Sprüche,
die weisen doch zur Bibel hin.

38. Na klar! Ich lese jetzt die Bibel,
einmal pro Monat! Woche! Tag!
Die Hoffnung gegen alles Übel,
die ich fortan nicht missen mag.

39. Muss nur schnell schau‘n, wo war ich neulich,
wo hört‘ ich auf, wo blieb ich steh’n?
Man kann das nämlich – wie erfreulich –
sehr schön an diesem Bändchen seh’n.

40. Wenn ich die Bibel hier entfalte,
dann wird mir augenblicklich klar…
Ich fürchte fast, es ist der alte,
der Predigttext vom letzten Jahr!

41. Mit gutem Vorsatz in den Jahren
ist es bei mir wohl nicht weit her.
Das hab ich eben brüsk erfahren.
Ach, wenn ich doch Maria wär,

42. die jedes Wort der heil‘gen Schriften
zuerst in ihrem Geist bewegt,
ohne gedanklich abzudriften,
und dann in ihrem Herzen trägt.

43. Die Marta soll mich auch begleiten.
Ihr Organisations-Talent
zählt fraglos zu den guten Seiten.
Sie hat noch nie ´nen Tag verpennt.

44. Inmitten all des Durcheinanders,
da lässt mir eines keine Ruh‘:
Ich bin doch eigentlich ganz anders,
nur komm ich meistens nicht dazu.

45. Maria, Marta, diese beiden,
„Besinnung“ und „Geschäftigkeit“.
Wen mag ich denn nun besser leiden?
„Ein jegliches hat seine Zeit.“

46. Gönnt euren Nerven etwas Schonung.
„All eure Sorge werft auf ihn.“
Ne super aufgeräumte Wohnung
ist sicher nicht des Lebens Sinn.

47. Kein Mensch soll unsre Andacht stören,
denn wer den Schritt zur Kirche lenkt
und auch noch Ohren hat zu hören,
der wird mit Seinem Geist beschenkt.

48. Und wenn wir Jesus recht verstehen,
dann seh’n wir es auch endlich ein:
Es kann nicht nur ums Essen gehen.
„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein,

49. sondern zugleich von jedem Worte,
das aus dem Munde Gottes geht“
und auch von Kreppel oder Torte,
wenn’s grad verlockend vor uns steht.

Amen

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