Fastnachtspredigt 2019

2019: Gereimte Fastnachtspredigt zu Jesaja 58, 1-9a

„Falsches und rechtes Fasten“

1 Rufe laut, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden!

2 Sie suchen mich täglich und wollen gerne meine Wege wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie wollen, dass Gott ihnen nahe sei.

3 »Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst’s nicht wissen?« Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter.

4 Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll.

5 Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit oder seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat?

6 Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg!

7 Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!

8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.

9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

Gereimte Fastnachtspredigt, Jesaja 58, 1-9a

von Kerstin Schäfer, 3. März 2019

  1. Es war kein Urlaub auf Balkonien,
    wovon der heut’ge Text erzählt.
    „Gefangenschaft in Babylonien“
    hieß das, was Israel so quält.

2. Zwar war sie jetzt bereits zu Ende,
die Phase der Gefangenschaft,
doch braucht man erstmal alle Hände
zum Neuaufbau mit ganzer Kraft.

3. Jerusalem war zum Exempel
in weiten Teilen noch zerstört.
Das Gleiche galt auch für den Tempel,
der zur Gemeinde doch gehört.

4. Doch pflegt man noch die alten Bräuche,
besonders den der Fastenzeit.
Dass Gottes Gnade nicht entfleuche,
dafür hat man den Leib kasteit,

5. in Sack und Asche sich gebettet,
geflissentlich den Kopf geneigt,
und Hab und Gut darauf verwettet,
dass Gott sich dann versöhnlich zeigt.

6. Und Gott betrachtet dieses Treiben.
Er schaut, was drunten vor sich geht,
bis er sich sagt: So kann’s nicht bleiben.
„Jesaja, sei jetzt mein Prophet!

7. Ruf laut und stark wie die Posaune,
dass mir mein Volk abtrünnig sei,
denn das verdirbt mir grad die Laune:
Das Fasten und die Frömmelei.

8. Sie wollen meine Wege wissen;
fast täglich suchen sie nach mir.
Doch lassen sie das Recht vermissen
und kehr‘n nicht vor der eignen Tür.“

9. „Wir üben Fasten und Kasteien,“
so ruft das Volk mich klagend an,
„um uns von Sünden zu befreien.
Doch du hast kein Int’resse dran.“

10. „Ihr geht an euren Fastentagen
stets weiter den Geschäften nach.
Das Hadern, Zanken und auch Schlagen,
gereicht euch außerdem zur Schmach.

11. Was, eure Stimme soll Gott hören?
Doch schlagt mit harter Faust ihr drein?
Da muss ich euch sogleich belehren:
Was ihr da tut, das kann’s nicht sein!

12. Wollt ihr das ernsthaft Fasten nennen,
an dem ich ´nen Gefallen hab:
In Sack und Asche rumzurennen –
die Stimmung düster wie im Grab?

13. Das Fasten könnte mir gefallen:
Lass los, die du gebunden hast,
und reiß das Joch hinweg von allen,
die du belegt mit schwerer Last.

14. Teil mit dem Hungernden die Speise,
mit Obdachlosen Haus und Gut.
Dem Nackten hilf in gleicher Weise.
Entzieh dich nicht deim Fleisch und Blut.

15. Dann wird‘s wie Morgenrot sich eilen,
wenn aus dem Dunkel bricht dein Licht.
Und deine Wunden werden heilen,
damit es dir an nichts gebricht.

16. Dann läuft dein Lebenszug behände.
Gerechtigkeit geht vor dir her.
Und Gottes Herrlichkeit am Ende
beschließt den Zug. Was willst du mehr!

17. Dann wird der Herr dein Rufen hören
und zeigen, er ist stets ganz nah,
wird dir die Antwort nicht verwehren
und sagen: Ich bin für dich da.“

18. Es sind exakt Jesajas Worte,
die Jesus für sein Gleichnis wählt,
zu andrer Zeit an andrem Orte,
als er vom Weltgericht erzählt.

19. Der Weltenrichter unterscheidet:
die Böcke links, die Schafe rechts,
denn wer ´nen Frierenden bekleidet,
der tut auf jeden Fall nichts Schlecht’s.

20. „Ihr gabt mir Essen und auch Trinken
für meinen Hunger, meinen Durst.
Hingegen euch zu meiner Linken
war meine Lage völlig Wurst.

21. Ihr Rechten habt mich aufgenommen,
obwohl ich bei euch völlig fremd
und unerwartet angekommen.
Ihr gabt mir Kleidung, Rock und Hemd.

22. Ihr links Platzierten habt hingegen
mich nicht ein einzig‘s Mal besucht,
als ich mal krank im Bett gelegen.
Drum seid auf ewig ihr verflucht.“

23. Schon hör ich euch im Geiste sagen:
„Wenn ich ´nen Kranken nicht besuch`
und Langeweile sollt‘ ihn plagen,
mein Gott, dann liest der halt ein Buch!“

24. Hört zu, ihr Männer, Frau’n und Kinder!
So einfach ist die Sache nicht.
Nur Mitleid macht die Welt gesünder.
Wir schau’n noch mal aufs Weltgericht.

25. Zu Jesu und Jesajas Zeiten
gab’s nicht an jeder Ecke Brot.
Konnt‘ man ´nen Kranken nicht begleiten,
dann drohte ihm der sich‘re Tod!

26. Die Bibel spricht zwar oft vom Beten,
doch hier wird Tatkraft sehr begrüßt.
Auch hat an Aktualitäten
der Text für mich nichts eingebüßt.

27. will zur Empathie verleiten,
zu Hause und auch unterwegs.
Doch übertrieb’ne Frömmigkeiten,
die geh’n ihm mächtig auf den Keks.

28. Dein Fasten wird ganz leicht vergeblich,
wenn du dich für was Bess’res hältst
und selbstgerecht und überheblich
zum Beispiel solch ein Urteil fällst:

29. „Wenn Bettler mir ums Haus rumlungern,
da fehlt mir gänzlich die Geduld.
Es muss doch heute keiner hungern.
Wer arm ist, der ist selber schuld.

30. Man kann doch heut‘ den Krebs besiegen.
Ein krankes ungebor’nes Kind,
das muss man doch erst gar nicht kriegen,
so weit wie Ärzte heute sind.

31. Mein Gott steht ganz auf meiner Seite
weil über mir die Sonne lacht.
Wer krank ist, einsam oder pleite,
der hat bestimmt was falsch gemacht.“

32. So schmeißt dem Nächsten du nen Knüppel
buchstäblich gegen jedes Bein,
machst ihn verbal bereits zum Krüppel.
So schlägst mit harter Faust du drein.

33. Wenn du in frommen Kreisen wandelst,
doch Mitarbeiter geh’n gebückt,
weil du als Chef sie schlecht behandelst,
hast du auf sie ein Joch gedrückt.

34. Willst du Familienkrisen meistern,
doch jeder Streit fällt dir zur Last?
Versuch‘ die Menschen zu begeistern.
Lass los, die du gebunden hast!

35. Du fragst dich: „Ist mein Tun jetzt richtig,
damit mein Lebenswerk gelingt?“
Dann wär‘ die Frage auch ganz wichtig,
ob’s dich den Menschen näher bringt.

36. Hingegen wenn dein Tun und Trachten
von deinen Nächsten dich entfernt,
dann musst du auf die Richtung achten,
sonst hast du leider nichts gelernt.

37. Denn was dich näher bringt zu andern,
das bringt dich näher auch zu Gott.
In falscher Richtung bloß zu wandern,
das bringt dir nur ´nen Haufen Spott.

38. So viel zur Achtsamkeit im Leben.
Und was das Fasten anbelangt:
Das Gottgefälligkeits-Bestreben
ist das, woran die Sache krankt.

39. Ein Fasten ohne gute Taten
wird leicht zur leeren Frömmelei.
Vom Geißeln sei dir abgeraten:
Es schlägt das Rückgrat nur zu Brei.

40. Willst du als Mensch dem Menschen nützen,
sei aufmerksam, schau hin, hör zu!
Vor Unheil sollst du ihn beschützen.
Dein Nächster ist genau wie du.

41. Die Menschlichkeit zeigt sich beim Spenden:
Ein Bäcker auf der Insel Kos
verteilt sein Brot mit vollen Händen
an jeden neuen Flüchtlings-Tross.

42. Es gibt Afghanistan-Heimkehrer,
stets konfrontiert mit blanker Not,
die leiden hier zu Haus‘ viel schwerer
an unser’m Überangebot.

43. Ein Übermaß an Reizen, Waren,
Versuchung, Luxus, Spieleflut
lässt weder Güte uns erfahren
noch Glauben, Hoffnung, Liebesglut.

44. Bei uns gibt’s große Festgelage,
und von dem ganzen Hühnerschmaus,
da guckt am End‘ vom schönen Tage
zuletzt nur noch ein Bein heraus.

45. Doch das will leider keiner essen;
es wird nach Afrika verschifft.
Und die Verpackung wird indessen
im Meer versenkt als reines Gift.

46. Wir alle, die wir hier so sitzen,
wir üben freilich Selbstkritik
und haben, um der Welt zu nützen,
das große Ganze stets im Blick.

47. Wir schmeißen unsre Nahrungsmittel
nur äußerst selten einmal weg
und spenden bis zu einem Drittel
des Geldes für ´nen guten Zweck.

48. Wir wollen keinen Vorschub leisten
dem heutigen Verpackungswahn.
Drum rücken auch die allermeisten
beim Kauf mit eignen Taschen an.

49. Und wenn wir fasten, tun wir’s eben
nicht aus ´nem blöden Lifestyle-Grund,
nein, um den Blick dafür zu heben:
Wie wird der Rest der Welt gesund?

50. Ach, könnten wir den Wohlstand teilen
mit denen, die der Hunger plagt!
Dann würden unsre Wunden heilen,
wie der Prophet Jesaja sagt.

51. Wer hungrig, durstig, unbekleidet,
gefangen, krank ist oder fremd,
das ist auch der, der unterscheidet,
ob einer sich dahinter klemmt.

52. Wenn alles Leid der armen Leute
durch neuen Blick uns Christus zeigt,
und wir verwandeln Leid in Freude,
da wäre Gott nicht abgeneigt.

53. Zwar lassen wir uns gern beneiden
um manches ferne Urlaubsziel,
doch könnt‘ man sich auch hier bescheiden,
denn Fliegerei gibt’s viel zu viel.

54. Wie wär’s, statt Chile / Patagonien
ich schließ‘ mich da auch gar nicht aus –
doch mal mit Urlaub auf Balkonien?
Am schönsten ist es doch zu Haus!

55. Alsdann wird euer Licht aufleuchten,
so hell wie unsrer Sonne Glanz.
Wenn alle keine Angst ham bräuchten,
dann wäre unser Leben ganz.

56. Und Gottes Friede, sehr viel höher
als die Vernunft es je ermisst,
bringt Mensch und Mensch einander näher,
bewahrt uns all‘ in Jesus Christ.

Amen

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