Recht ströme wie Wasser
21 Ich hasse und verachte eure Feste und mag eure Versammlungen nicht riechen –
22 es sei denn, ihr bringt mir rechte Brandopfer dar –, und an euren Speisopfern habe ich kein Gefallen, und euer fettes Schlachtopfer sehe ich nicht an.
23 Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!
24 Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.
Gereimte Fastnachtspredigt, Amos 5, 21-24
von Kerstin Schäfer
11. Februar 2024
- Der Amos winkt zum dritten Mal
mit seines hohen Zaunes Pfahl.
Dreimal durft ich mich schon bemühen
die rechten Schlüsse draus zu ziehen. - Das, was ich dieses Jahr erwog,
das ist ein „Amos-Dialog“.
Der Amos schimpft auf die Gemeinde,
und ich hätt diese gern zum Freunde. - In Ich-Form zeigt uns der Prophet
die Haltung Gottes ganz konkret:
„Ich, Gott, verachte eure Feste,
selbst wenn ihr glaubt, ihr tut das Beste, - mag die Versammlungen nicht riechen,
wollt ihr mir auch zu Füßen kriechen.
An Opfern in den heil’gen Hallen,
da find ich keinerlei Gefallen. - Und eure Lieder sind geplärrt,
was stark an meinen Nerven zerrt.
Das Harfenspiel will ich nicht hören,
auch den Gesang nicht von den Chören. - Das Recht soll strömen wie ein Fluss,
dass keiner mehr verdursten muss.
Es ströme die Gerechtigkeit
von nun an bis in alle Zeit.“ - Wir wolln uns an die Worte heften
und diese Stück für Stück entkräften.
Was Gott angeblich alles hasst,
das nehmen wir mal ganz gefasst. - „Du, Amos, wirfst gleich übern Haufen,
wie uns’re Gottesdienste laufen.
Schon hast du Unrecht uns getan.
Jetzt schau sie dir doch erst mal an! - Ich werd´ ´nen Beispiel-Sonntag wählen
und frank und frei davon erzählen:
Das Vorspiel stammt von Buxtehude,
dann grüßt die Pfarrerin: „Ei guude!“ - Die Orgel oder das Klavier
spielt „Liebster Jesu, wir sind hier“
und noch diverse andre Lieder,
mal trendig-hip, mal brav und bieder. - Nach Predigt, Psalmwort und Gebet
das Abendmahl schon vor uns steht.
Hier gilt’s mit Brot und Wein und Saft
zu stärken Jesu Jüngerschaft. - Dann spricht die Pfarrerin den Segen,
worauf sich müde Glieder regen,
den Kirchraum alsbald zu verlassen.
Was, bitte, gibt’s daran zu hassen? - Zum Schluss füllt man den Klingelbeutel.
Wir sind nicht hochnäsig und eitel.
Wir haben vielmehr Tag und Nacht
die Kranken, Armen mitbedacht. - Dir kann’s nach fast dreitausend Jahren,
mein lieber Amos, wiederfahren,
dich nicht mehr richtig zu erinnern
an Harfen, blechern oder zinnern, - an den Gesang der Zeitgenossen
– die trällerten wohl unverdrossen -,
an Leier oder Hirtenflöte,
das war bestimmt ´ne müde Tröte. - Bei uns, da spielt die Klarinette
mit der Oboe um die Wette.
Das Fundament ist das Fagott,
und das spielt auch schon ziemlich flott. - Die Bratschen, Celli und die Geigen,
die wollen Gottes Wort bezeugen.
Die Gruppe des Continuo,
die macht’s natürlich ebenso. - Es tiriliert die helle Flöte,
und – oh mein Gott – die Bach-Trompete!
Die solltest du wahrhaftig hören,
statt unsern Gottesdienst stören. - Wir singen gern und oft Kantaten.
Von wem? Na, dreimal darfst du raten!
Beim Meisterkomponisten Bach,
da werd‘ ich regelmäßig schwach. - Bei uns hat christliche Musik
die Worte Gottes stets im Blick.
Die Tatkraft Gottes starken Arms
bezeugt der gute alte Brahms. - Man spielt den Georg Friedrich Händel
beim Kerzenlicht, beim „Light of Candle“.
Bei der Musik von Mendelssohn
genieß ich jeden einz’lnen Ton. - Und sind Vivaldi, Mozart, Haydn
nicht wunderbare Ohren-Freuden?
Auch bei Puccini oder Britten
ist Jesus immer in der Mitten. - Löst nicht ´ne einzelne Gitarre
die Konfirmanden aus der Starre,
um plötzlich wunderschön zu singen
von Gottes Welt und andern Dingen? - Sind nicht die Lieder aus Taizé
des Kirchengängers ABC,
um unsern Herrn im Himmel droben
anbetend vierstimmig zu loben? - Das Blaskonzert mit der Posaune
macht allen Hörern gute Laune.
So mancher Bläser ist fürs Horn,
das er da spielt, direkt gebor’n. - Das Jahresinstrument, die Tuba,
spielt flotte Rhythmen heut aus Kuba.
Natürlich spielt auch die Trompete,
das ist ´ne super-coole Fete.“ - „Nun gut“, sagt Amos, „ich verstehe,
ihr sucht tatsächlich Gottes Nähe,
wenn ihr im Gospel-Workshop groovt
und euch auf Gottes Wort beruft. - Es mag euch ab und zu gelingen,
dem Herrn ein Loblied darzubringen
in diesem euren Gotteshaus.
Wie sieht’s mit Sakramenten aus?“ - „Da hab’n wir einiges auf Lager:
Es kommen Onkel, Nichte, Schwager
und Großfamilien gleich zu Haufe,
wenn wir begeh‘n das Fest der Taufe. - Du solltest seh’n, wie die dann wimmeln,
um ihren Täufling anzuhimmeln,
die Jungen gleichsam wie die Alten,
um das Ereignis festzuhalten: - Der Tag gebannt auf Celluloid,
damit die Nachwelt sich dran freut!“
Doch der Prophet scheint nicht zu schmunzeln,
er legt vielmehr die Stirn in Runzeln. - Der Amos hört sich’s an im Groll,
denn jetzt hat er die Schnauze voll:
„Was ist das für ein dummes Zeug?
Mir scheint, ihr macht das nur für euch: - Nur Kameras und Handys zücken,
dem Täufling dicht zu Leibe rücken,
damit ich das Ereignis seh‘
in Einzelheiten am PC? - Wenn ihr nur schaut durch eure Linsen,
geht die Gemeinschaft in die Binsen.
Ihr solltet euch dazu bequemen,
das Kind in diese AUFZUNEHMEN! - Nach dieser unglücksel‘gen Panne,
was habt ihr sonst noch auf der Pfanne?“
„Na ja, wir hab’n das Abendmahl
mit Wein und Saft zur freien Wahl. - Lang hatten wir Gemeinschaftskelche,
doch heute gibt es kaum noch welche.
Denn nach den letzten Pandemien
sind diese irgendwie verschrien. - Nun gibt es, wie gehabt, das Brot
– so weit ist alles noch im Lot.
Dann haben wir für Wein und Saft
´zig Einzelkelche angeschafft. - Man will sich ja willkommen fühlen,
und keiner soll dazwischen spülen.
Die Kelche kommen aufs Tablett.
Ich glaub, die Leute finden’s nett. - Wir teilen Jesu Trank und Speise
und hoffen, dass auf diese Weise
die Frommen und die nicht so Frommen
am Tisch des Herrn zusammenkommen. - Hast du hier auch was zu bemängeln,
Prophet, und willst uns weiter gängeln?“
„Nein nein, ich will euch nicht bloß schelten,
das lass ich ausnahmsweise gelten. - Doch was mir weiter Sorgen macht,
ist, dass es allenthalben kracht.
Man hört von Krisen und von Kriegen,
wo stets die Schwachen unterliegen. - Die Ukraine und Nahost
sind schon seit Langem sturmumtost.
Wie wollt ihr Männern, Frau’n und Kindern
das kriegsbedingte Unrecht lindern?“ - „Das haben wir uns auch gedacht
und haben quasi über Nacht,
damit das nicht im Abgrund mündet,
den Ukraine-Treff gegründet. - Der wird auch sehr gut angenommen.
Auch viele Deutsche sind gekommen,
was deutlich zeigt, dass ganz konkret
an solchem Treff Bedarf besteht.“ - Auch wenn ihm fast die Hoffnung schwand,
guckt Amos wieder recht entspannt:
„Das ist Musik in meinem Ohr.
Genauso stell ich mir das vor. - Doch lass ich`s damit nicht bewenden;
es brennt doch grad an allen Enden.
Das Klima spielt bei euch verrückt.
Noch keine Lösung ist geglückt. - Auch das Problem der Migration
beschäftigt mich seit Jahren schon.
Und die, die gegen Fremde hetzen
und Menschenrechte grob verletzen, - die machen seit geraumer Zeit
sich lautstark auf den Straßen breit.
Wer pocht denn auf Demokratie?
– Ich weiß, das kostet Energie.“ - „Hier, Amos, gibt’s ´nen Hoffnungsschimmer:
Nachdem die Lage immer schlimmer,
bedrohlich gar zu werden schien,
gibt’s Hunderttausend in Berlin, - in Hamburg, Frankfurt und in Köln,
die sich dem Mob entgegenstell‘n.
Ein Slogan hat sich festgesetzt,
und zwar: Nie wieder – das ist jetzt!“ - „Das klingt“, sagt Amos, „gar nicht schlecht.
Mir scheint, das Mitgefühl ist echt
mit den Verfolgten, Armen, Schwachen.
Jetzt müsst ihr stetig weitermachen: - Euch sorgen um die Kreatur
in Stadt und Land, in Wald und Flur,
und denen, die das alles hassen
das Feld nicht wieder überlassen. - Hier geht es um Gerechtigkeit
und nicht um Gier und Geiz und Neid.
Und das ist aller Mühen wert.
Wer das nicht glaubt, der lebt verkehrt.“ - „Prophet, wir werden uns bemühen,
ab jetzt an einem Strang zu ziehen,
und gegen die, die weiter zündeln,
die positiven Kräfte bündeln. - Statt ins Private abzuschweifen,
soll heut in uns der Vorsatz reifen,
dass wir in allen Zweifelsfällen
uns schützend vor die Schwachen stellen. - Schicksale, die in unser’n Zimmern
tagtäglich übern Bildschirm flimmern,
die sollten uns dazu erweichen,
mal ab und zu die Hand zu reichen, - als ein Gebot der Nächstenliebe,
damit die Hoffnung nicht zerstiebe
darauf, dass auf der schönen Erde
es endlich wieder Frieden werde.“
Amen