Die dritte Ankündigung von Jesu Leiden und Auferstehung
31 Er nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.
32 Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden,
33 und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er auferstehen.
34 Sie aber verstanden nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie begriffen nicht, was damit gesagt war.
Die Heilung eines Blinden bei Jericho
35 Es geschah aber, als er in die Nähe von Jericho kam, da saß ein Blinder am Wege und bettelte.
36 Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre.
37 Da verkündeten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorüber.
38 Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!
39 Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er sollte schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!
40 Jesus aber blieb stehen und befahl, ihn zu sich zu führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn:
41 Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann.
42 Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen.
43 Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.
Gereimte Fastnachtspredigt, Lukas 18, 31-43
von Kerstin Schäfer
15. Februar 2026
- Der Weg rauf nach Jerusalem,
der ist tatsächlich unbequem,
beschwerlich, staubig, steil und steinig,
da sind sich auch die Jünger einig. - Doch ist man dort erst angekommen
mit Jesus und den andern Frommen,
dann fühlt man sich so recht erhaben,
kann sich in seinem Ruhme laben. - Mein Jesus, gell, du bist mein Retter,
wenn ich mit dir den Hang hochkletter‘.
Da geht’s rund tausend Meter rauf.
Das nehm‘ ich gern für dich in Kauf. - Macht Platz, mit uns kommt der Messias,
schon angekündigt durch Elias.
Der vielgerühmte Friedensfürst,
der wirkt, dass du dich wundern wirst. - Mein Heiland, Schirm, mein Sonn und Schild,
des großen Gottes Ebenbild,
es weichen vor dir Trauergeister,
denn du bist unsres Lebens Meister. - Doch Satan, bleib bloß weg, du böser.
Mit uns kommt Jesus, der Erlöser.
Dich fegt er fort mit seiner Macht,
denn er regiert in aller Pracht. - Und ob es itzt gleich kracht und blitzt,
mein Heiland fest im Sattel sitzt.
Schon bald besteigt er seinen Thron.
Macht Platz, denn hier kommt Davids Sohn! - Die Jünger hört man laut frohlocken:
„Ihr Menschen, macht euch auf die Socken.“
Sie wähnen sich dem Sieg ganz nah
durch alles, was bisher geschah. - Doch Jesus nimmt sie leis‘ beiseit‘
und fordert sanft: Macht euch bereit.
Was die Propheten aufgeschrieben,
wird in Jerusalem betrieben. - Der Menschensohn wird von den Heiden
misshandelt und muss bitter leiden.
Sie werden ihn bespucken, geißeln,
´ne Kreuzesinschrift für ihn meißeln, - um ihn alsbald ans Kreuz zu schlagen.
Er stirbt – und wird dann in drei Tagen
von diesem Tode auferstehen,
so hat die Schrift es vorgesehen. - Die Jünger hör’n in diesem Falle
die Botschaft schon zum dritten Male.
Er hat es ihnen oft verklickert,
damit‘s in ihr Bewusstsein sickert. - Doch konnte er damit nicht landen.
Sie hab’n es dreimal nicht verstanden.
Poetisch legt uns Lukas dar,
wie schwierig das wohl damals war: - Was Spatzen schon von Dächern pfeifen,
die Jünger woll‘n es nicht begreifen.
Ob gestern, heute oder morgen,
der Sinn bleibt ihnen stets verborgen. - Keiner versteht, was Jesus sagt.
Das hat ihn sicher sehr geplagt.
Sie stapfen tapfer durch den Staub,
doch geistig sind sie blind und taub. - Die Jünger steh’n jetzt irgendwo
mit Jesus kurz vor Jericho.
Ein Blinder sitzt am Wegesrand
und lauscht dem Treiben ganz gebannt: - Lief nicht mit mäßig schnellem Schritt
der Jesus in der Menge mit?
Ich könnte das direkt beschwören.
„Sohn Davids“ war doch da zu hören. - Der Jesus – der aus Nazareth –
ist doch zu armen Menschen nett.
Man wird mich wieder mal verfluchen,
doch ich muss das sofort versuchen: - „Sohn Davids, hilf, erbarm dich meiner!“
Man raunt: Was ist denn das für einer?
Doch er schreit wie durch’s Megafon:
„Erbarm dich meiner, Davids Sohn!“ - Die Leute finden’s unerhört:
Ein Bettler, der den Ablauf stört!
Was kann denn der von Jesus wollen?
Der soll sich schleunigst wieder trollen. - Doch Jesus, statt vorbei zu gehen,
bleibt für den blinden Bettler stehen.
Sein Mitgefühl ist gleich zu spüren;
er lässt den Blinden zu sich führen - und geht gleich offen auf ihn zu:
„Was willst du, dass ich für dich tu?“
„Herr, dass ich sehen kann,“ sagt der.
Das zu erraten, war nicht schwer. - Warum stellt Jesus an dem Tage
dem Bettler solch banale Frage?
Der wird jahrzehntelang schon schmollen.
Was wird der jetzt von Jesus wollen?! - Der blinde Mann, auf den wir schauen,
zeigt grenzenloses Gottvertrauen.
Er will fortan mit allen Sinnen
´nen neuen Lebensweg beginnen. - Drum spricht er’s unumwunden an:
„Herr, dass ich wieder sehen kann.“
„Sei sehend,“ spricht ihm Jesus zu.
Der Blinde wird geheilt im Nu. - Jesus, der kurz noch bei ihm weilt,
sagt nicht, er habe ihn geheilt,
sondern: „Dein Glaube ist’s gewesen,
der dich befähigt, zu genesen.“ - Der „Blinde“, der jetzt sehen kann,
schließt sich spontan dem Jesus an.
Er folgt ihm nach und er preist Gott.
Das ging tatsächlich ziemlich flott. - Ein jeder, der in dieser Menge
und in dem ganzen Volksgedränge
gesehen hatte dieses Zeichen,
der ging und lobte Gott desgleichen. - Was lernen wir aus der Geschicht:
Der Blinde bittet Jesus nicht,
an den gesellschaftlichen Rändern
die Zustände doch mal zu ändern: - „Bestraf doch die, die mich belächeln.
Hab’s satt, nur hinterher zu hecheln…“
Nein, dieser Mann will klipp und klar
ein ganz gesundes Augenpaar. - Und als ihm Jesus das gewährt
und er ist plötzlich unversehrt,
entscheidet er im Handumdrehen:
Er möchte jetzt mit Jesus gehen. - Klingt das für uns nicht ziemlich schräg?
„Der geht doch seinen Leidensweg!
Was soll ich in Jerusalem?
Ich mach’s mir jetzt zu Haus bequem,“ - so hör ich mich aus Faulheit sagen.
Auch Mitleid ist oft schwer zu tragen.
Will ich das Leid der Welt denn sehen?
Und will ich echt mit Jesus gehen? - Der „Blinde“ sieht die Welt jetzt klar.
Doch solche Sicht ist eher rar.
Er kennt das Leid seit langer Zeit –
er ist zum Mitleiden bereit. - Und Jesus hat ihn angeblickt
und nicht sofort nach Haus geschickt.
Nicht etwa: „Nimm dein Bett und wandle,“
nein, vielmehr: „Komm mit mir und handle.“ - „Was willst du, dass ich für dich tue?“
Der Satz, er lässt mir keine Ruhe.
Was brauch ich denn von dieser Welt?
Macht? Anseh’n? Einfluss? Reichtum? Geld? - Und wenn, wie nutz‘ ich das denn richtig?
Was ist mir denn als erstes wichtig?
Was zieht mich denn in seinen Bann?
Was ist’s, was ich am besten kann? - Vielleicht sehn‘ ich mich nach Genuss,
Champagner, Luxus, Überfluss.
Geb‘ ich beim Feiern richtig Gas?
Such ich in erster Linie Spaß? - Komm ich durch’s Ehrenamt zu Ehren?
Wird man mir Wertschätzung gewähren?
Was ist der Sinn des ganzen Lebens?
Vielleicht bemüh’n wir uns vergebens. - Such ich die Quelle aller Gnaden?
Will ich in Selbstmitleid mich baden?
Will ich für meine eignen Sünden
den Sündenbock woanders finden? - Kleb ich an meinem bisschen Leben?
Sollt ich nach etwas Höh’rem streben
oder vielmehr mit vollen Händen
das Geld an arme Leute spenden? - Wo wird’s gebraucht, wo tut es not?
Wer hungert nach ´nem Stückchen Brot?
– wobei sich hier die Geister scheiden –
Wer sind die, die am meisten leiden? - Womit verbring ich meine Zeit?
Bin ich zum Mitgefühl bereit?
Wie oft kann ich das Ziel nicht sehen!
Ich scheine mich im Kreis zu drehen. - Womit verbring ich diesen Winter?
Was treibt mich an, was steckt dahinter?
Ist das am Ende Zeitvertreib,
dass ich hier diese Predigt schreib? - Anrühren sollte ich mich lassen
vom schieren Elend großer Massen.
Wie oft verschließ ich meine Augen!
Sie scheinen dazu nicht zu taugen. - Antoine de Saint-Exupéry,
ein literarisches Genie,
sagt uns: Zum Sehen braucht es Mut.
„Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ - Beeindruckt hat mich auch Paul Gerhardt,
– nicht zu verwechseln mit Heinz Erhardt –
der wusste schon von Kindesbein‘
was das bedeutet: Leid und Pein. - Im Dreißigjähr‘gen Krieg schon Waise,
macht er sich auf die Lebensreise.
Fünf Kinder wurden ihm geboren.
Vier, und die Frau, hat er verloren. - Trotzdem blieb er voll Zuversicht.
Stets pries er Gottes Trost und Licht
und fragte sich vor allen Dingen:
„Sollt‘ ich denn meinem Gott nicht singen? - Denn alles Ding währt seine Zeit
und Gottes Lieb in Ewigkeit.“
Vor dreihundertundfünfzig Jahren
ist er zum Vater heimgefahren. - Zurück zu Saint-Exupéry
und seiner „Herz-Philosophie“:
„Das Wesentliche“, sagt er klar,
„ist für die Augen unsichtbar.“ - Drum lass es zu, dich mit Gefühlen
von Herzensgrunde aufzuwühlen.
Fass dir ein Herz, um klar zu sehen.
Und bleib bei diesem Bettler stehen!
Amen