2012: Gereimte Fastnachtspredigt zu Amos 5, 21-24

Gereimte Fastnachtspredigt zu Amos 5, 21-24

„Der äußerliche Gottesdienst tut’s nicht“
19. Februar 2012
von Kerstin Schäfer

1. „Was nützt mir euer Gottesdienst,
in dem ihr betet, singt und pienst?
Was hilft’s, dass ihr euch hier versammelt,
wenn draußen jedes Recht vergammelt?

2. Und auch die wohlgemeinten Spenden
aus euren reichen, fetten Händen,
die Dank- und auch die Opfergaben,
die will ich von euch gar nicht haben.

3. Erspart mir euer Lied-Geplärr“,
so schimpft laut Amos Gott, der Herr,
„und auch das ganze Orgelspiel
ist mir zuwider und zuviel.“

4. Ja, hoppla, das ist Gottes Kunde
aus des Propheten Amos Munde?
Will Gott tatsächlich uns die Sachen,
die ihm doch dienen, madig machen?

5. Grad war’s noch friedlich, fromm und heiter.
Doch halt: Der Vers geht ja noch weiter.
Kann der Prophet mit sanften Tönen
uns doch noch mit dem Text versöhnen?

6. „Wie Wasser strömen soll das Recht,
sonst geht es der Gemeinschaft schlecht.
Gerechtigkeit ruft in euch wach.
Sie ströme wie ein stet’ger Bach.“

7. Ja, wie? Wir sind doch die Gerechten;
und draußen stehn die echten Schlechten.
Wir gehn zur Kirche, Gott zur Freude,
tun keiner Fliege was zuleide.

8. Wir singen, beten, preisen, loben.
Der Kerzenduft steigt schön nach oben.
Kein Unrecht find’st du bei uns allen,
das muss dem Herrgott doch gefallen!

9. „Genug“, ruft Amos, „geht mal raus.
Wie sieht die Welt denn heute aus?
Ihr habt das Ding bereits verpatzt;
mir ist der Kragen schon geplatzt!

10. Seht ihr das Recht wie Wasser strömen?
Ihr solltet euch – weiß Gott – was schämen!
Da ist ein Hauen und ein Stechen.
Wohin man schaut, gibt’s nur Verbrechen

11. und Vorteilsnahme, Korruption,
wie vor 3000 Jahren schon.
Man schaut beängstigt und verwundert
ins einundzwanzigste Jahrhundert.“

12. Nein, Amos, das sind doch nicht wir.
Wir beten und wir sitzen hier.
Die Bösen, das sind stets die andern.
Da brauchst du gar nicht weit zu wandern.

13. Den Nachbarn in dem Kirchenspiel
ist schon der Chorgesang zuviel,
zu schweigen ganz von den Trompeten!
´Ne Kirche hat halt nicht bloß Flöten.

14. Doch Flötentöne beizubringen,
das soll uns hoffentlich gelingen,
den Nachbarn, die in diesem ganzen
Carree uns auf der Nas’ rumtanzen.

15. „Da, guckt“, ruft Amos, „als Gemeinde
habt ihr schon eure Lieblingsfeinde.
Die einzelnen Gemeindeglieder
sind sicher auch nicht brav und bieder.

16. Das wollt ihr mir doch nicht erzählen,
dass euch Gewissensbisse quälen,
wenn ihr mal glaubt, ihr seid im Recht,
und einen Streit vom Zaune brecht.“

17. Na ja, man streitet sich schon mal.
Das gibt’s ja schließlich überall,
und auch, dass, eh’ man sich versieht,
der andre Teil den Kürzern zieht.

18. Man trennt sich manchmal auch im Streit.
Oft tut es einem später leid.
Auch ist es uns schon mal passiert,
dass so ´ne Sache eskaliert.

19. Grad denkt man noch, ´s gibt ein Problem,
was auch nicht grade angenehm.
Man handelt etwas ungeschickt.
Schwupp! Das Problem wird zum Konflikt.

20. Durch Ignoranz – das ist das Doofe –
wird der Konflikt zur Katastrophe.
Dann schau’n wir uns belämmert an:
Wo ist der Mensch, der helfen kann?

21. „Ich kann euch helfen in der Not“,
sagt Amos, „bin zwar lang schon tot,
doch wie ihr wisst, ham wir Propheten
gewisse Seher-Qualitäten.

22. Das Unrecht macht sich bei euch breit,
genauso wie zu meiner Zeit.
Ihr habt es bisher nicht geschafft,
dass diese Lücke nicht mehr klafft.

23. Die Lücke zwischen Arm und Reich,
die gab’s bei uns und gibt’s bei euch.
Die Lücke zwischen Schwach und Mächtig
gedeiht zu allen Zeiten prächtig.

24. Drum rat ich Männern und auch Frau’n,
auf Arme nicht herabzuschau’n,
auf Schwachen nicht noch rumzutreten.
Sie sind doch ohnehin in Nöten.

25. So einer hat oft keine Lobby
und meistens nicht einmal ein Hobby.
Der macht sich keinen schönen Lenz;
der kämpft um seine Existenz!

26. Drum gilt es, Schwache aufzurichten,
statt ihnen Mitschuld anzudichten
am Schicksal, das sie schwer ertragen
in guten wie in schlechten Tagen.“

27. Prophet, wir werden uns bemühen,
ab jetzt an einem Strang zu ziehen.
Doch wolln wir, statt hier rumzueiern
auch weiter Gottesdienste feiern.

28. Und – deine Wut in allen Ehren –
grad das willst du uns heut verwehren.
Wie war das mit dem Lied-Geplärre
und mit der Opferspenden-Sperre?

29. Wir leben und wir lassen leben
und sind bereit, was abzugeben.
Wir stimmen in die Lieder ein.
Das kann doch so verkehrt nicht sein.

30. „Verkehrt“, spricht Amos, „ist das nicht,
doch steht’s euch nicht gut zu Gesicht,
dass ihr Distanz zum Nächsten schafft.
Ihr schmort zu sehr im eig’nen Saft.

31. Ich möchte, dass ihr Demut lernt.
Zwar bin ich weit davon entfernt,
in Bausch und Bogen zu verdammen,
doch passt hier manches nicht zusammen:

32. Ihr droht, beim Trinken und beim Essen
die „Ausgestoßnen“ zu vergessen.
Die satte Selbstgerechtigkeit
macht sich in eurer Kirche breit.

33. Und eines schlagt euch aus dem Kopf:
Das ist ein furchtbar alter Zopf,
zu glauben, dass es Gott was nütze,
wenn jeder von euch bei ihm sitze

34. in seinem schönen Gotteshaus.
Grad anders wird ein Schuh daraus:
Gott dient den Menschen hier auf Erden,
und daraus kann was Größ’res werden,

35. wenn dies die Menschen auch erfassen
und lernen, sich drauf einzulassen,
sich nicht im Egoismus üben
und endlich mal den Nächsten lieben!

36. Ich hoff’, es hat bei euch gefunkt:
Der Gott, der steht im Mittelpunkt!
Der Gott, der hat euch was zu sagen!
Er kann euch durch die Woche tragen.“

37. So weit der Aufruf des Propheten,
damit wir nicht ins Leere beten
und dass wir uns nicht selbst besingen.
Das Miteinander muss gelingen.

38. Wer diesen Mittelpunkt nicht ehrt,
macht irgendetwas grundverkehrt.
Und wer die Hauptperson nicht feiert,
nur lieblos Verslein runterleiert,

39. der wird genauso wenig froh
wie in dem Sketch von Loriot
der sechzigjähr’ge Jubilar.
Den stellt er ausgezeichnet dar,

40. wie er durchs Festtags-Studio stolpert,
derweil ein Chor durchs Liedgut holpert.
Zwei Mädels sind verstärkt bemüht,
dass er durch Lorbeer-Tore zieht.

41. Er wird geschubst und auch geschoben
und schließlich ganz heraufgehoben
in eine Art Kulissen-Himmel.
Dazwischen sieht man ein Gewimmel

42. halbnackter Jubiläumssänger.
Die Peinlichkeit wird immer länger.
Ein Podiumsredner scheitert kläglich. –
Es ist ganz einfach unerträglich.

43. Uns kommt’s natürlich lustig vor:
der echte Loriot-Humor.
Doch letztlich tritt der Ernst der Lage
wohl auch in diesem Sketch zutage.

44. Geburtstag voller Heuchelei
zielt am Geburtstagskind vorbei.
Und Gottesdienste ohne Gott
sind letztlich nur ein Haufen Schrott.

45. Drum schreibt’s euch alle hinters Ohr:
Man feiert Fastnacht mit Humor.
Man feiert Gottesdienst mit Gott,
sonst erntet man bei Amos Spott.

46. Sollt’s ausnahmsweise mal geschehen,
dass diese drei zusammen gehen,
– Fastnacht und Gottesdienst und Reim –
da bleibt man doch nicht gern daheim.

47. Da macht man sich zur Kirche auf,
wenn’s sein muss auch im Dauerlauf.
Dort wird man die Gemeinschaft pflegen,
vom „Kyrie“ bis hin zum Segen.

48. Man bleibt vorm Auseinandergehen
noch bei ´ner Tasse Kaffee stehen.
Doch wird man dort vor allen Dingen
mal lauthals „Halleluja“ singen.

49. Da Gottes Friede höher ist
als die Vernunft es je ermisst,
bewahr’ er euer Herz und Sinnen
in Jesus Christus, ganz tief drinnen.

Amen

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